Fiel Rom über Nacht?
Die klassische Geschichte: Rom ‚fiel‘ 476 n. Chr. und die Welt versank über Nacht im Dunkel. Einen Tag noch Senatoren in Toga, am nächsten Tag Barbaren vor den Toren.

Annibale Carracci — "Two Children Teasing a Cat" (), public domain
Fiel Rom an einem einzigen Tag?
Jedes Schulbuch markiert 476 n. Chr. als den Moment, in dem das Licht ausging. Die westliche Zivilisation kollabierte, Städte leerten sich, das Mittelalter begann. Ein Wimpernschlag – und Rom war Geschichte.
Ein langsames, chaotisches Verblassen.
Die Wahrheit: Rom blutete über Jahrhunderte aus. Im Osten herrschten weiter Kaiser. In Italien tagten Senatoren, Bischöfe wurden mächtiger, Landgüter zerfielen – und viele Städter bemerkten das ‚Ende‘ kaum. Archäologie zeigt: Handel und Stadtleben hielten sich noch Generationen.
Wie der Mythos entstand.
Spätere Autoren, vor allem Petrarca und Gibbon, liebten das Drama eines plötzlichen Falls. Es klingt einfach besser – aber für die meisten war Roms Ende eher ein langer Dämmer, kein plötzlicher Stromausfall.
Roms Untergang war langsam, chaotisch und ungleichmäßig – oft kaum spürbar für die, die ihn erlebten. Senatoren tagten weiter, Steuern wurden erhoben, und manche ‚Römer‘ lebten noch Jahrhunderte fort.