Das angebliche Dissektionsverbot in Rom
Man stellt sich römische Ärzte vor, die im Dunkeln tappen – angeblich durften sie keine Leichen öffnen, brutale Gesetze gegen Sektionen, oder?

Joos van Wassenhove — "The Adoration of the Magi" (1472–74), public domain
Kein Schnitt? Nicht ganz.
Lehrbücher und Filme behaupten, römische Ärzte hätten nie am Menschen seziert – Gesetze und Tabus hätten Anatomie unmöglich gemacht. Also wurde geraten, gestochert, gehofft. Die Wahrheit: viel unordentlicher.
Römische Medizin packte zu.
Es gab religiöse Tabus, besonders in Rom selbst, aber Ärzte wie Galen schnitten Leichen auf – vor allem in Alexandria, wo griechische Wissenschaft unter römischer Herrschaft blühte. Hingerichtete Verbrecher wurden manchmal zu Anschauungsobjekten. Selten, aber nicht per Gesetz verboten.
Woher kommt der Mythos?
Galen selbst klagte über Einschränkungen in Rom, aber seine eigenen Schriften zeigen: Er und andere führten Leichensektionen durch – nur nicht immer öffentlich. Spätere christliche Autoren übertrieben die Tabus und ließen römische Wissenschaft rückständiger wirken, als sie war.
Ein generelles Verbot von Leichensektionen gab es im römischen Recht nie. Tatsächlich schnitten Ärzte in Alexandria und anderswo manchmal Menschen auf – vor allem hingerichtete Verbrecher. Medizinisches Wissen in Rom war blutiger, riskanter und seltsamer als der Mythos behauptet.